Dirk Darmstaedter

Twenty | Twenty

Ein Gespräch mit Peter Geiger vom 30.09.17

Dirk Darmstaedter war schon immer ein Einzelgänger - und trotzdem kann der Singer-Songwriter aus Hamburg nicht davon lassen, weiter vom perfekten Pop-Song zu träumen. Anfang Oktober gastiert er dreimal in der Oberpfalz

Wenn Dirk Darmstaedter über seine Karriere als Popstar redet, dann spürt man nicht nur, dass da ein Überzeugungstäter am Werk ist, einer, der seit er den späten 1980er Jahren, als er mit den "Jeremy Days" zu Hit-Ehren gelangte ("Brand New Toy"), an Bord ist. Nein, der 1965 in Hamburg geborene und in New Jersey - "auf der anderen Seite von Manhattan" - aufgewachsene Singer-Songwriter hat es auch verstanden, sich ebenso elegant wie intelligent anzupassen, an die Wechselhaftigkeit der Branche.

Während andere längst untergegangen sind, tummelt sich der stets lernbereite Dirk Darmstädter auch als 52-Jähriger noch immer putzmunter in den Gewässern des Pop, war Labelchef bei "Tapete-Records", ist sein eigener Tontechniker und Cover-Artist. Anfang Oktober und wird er sein Publikum in Weiden, Regensburg und Sulzbach-Rosenberg jedes Mal passgenau mit seiner offenen Setlist unterhalten.

Die "New York Times" hat Sie mal als einen der Underground-Helden in Deutschlands Pop-Szene bezeichnet. Wie fühlt man sich denn als Träger eines solchen Adelstitels?

Dirk Darmstaedter: Ich hab' mich natürlich sehr gefreut, als ich das über mich gelesen habe. Aber: Über mich wurde tatsächlich schon viel geschrieben, manchmal gut, manchmal auch weniger gut. Deshalb versuch ich in solchen Fällen, vor allem mal locker zu bleiben.

Underground heißt aber auch: Ihr Zuhause ist die Nische. Wie gut lässt sich's denn dort leben?

Nische heißt ja nicht unbedingt kuschelig! Nische, das heißt auch Kampf und Entbehrungen und all das. Es ist ja klar, dass der Mainstream sich in eine andere Richtung entwickelt hat, als ich mir das gewünscht hätte. Das hat sicher auch was damit zu tun, dass man selber schon ein bisschen länger dabei ist. Es gibt zwar keinen Mangel an supertoller Pop-Musik, aber es kommt halt immer weniger durch, durch die verfügbaren Kanäle. Gleichzeitig ist mir Musik aber viel zu wichtig, als dass ich mich da jetzt abkoppeln könnte. Außerdem wäre es jetzt eh zu spät, da nochmal die Richtung zu wechseln. Ich liebe Musik und ich möchte keine Kompromisse machen. Hab' ich auch nie. Mein Antrieb ist: Ich möchte die besten Stücke schreiben - und ich möchte sie so aufnehmen, dass sie so klingen, wie ich das mag.

Als Musiker sind Sie seit einer gefühlten halben Ewigkeit im Geschäft, Stichwort "Jeremy Days". Im Prinzip sind Sie ja einer der großen Brüder von denen, die später das begründeten, was als heute "Hamburger Schule" Legendenstatus genießt.

Das sehe ich überhaupt nicht so. Ich bin weder der große Bruder, der Big Daddy noch der Godfather von irgendwas - weil ich auch nie Teil einer Szene war. Ich empfand auch unsere Band immer als absolutes Unikum, wir standen allein. Natürlich wird man immer wieder auf seine Herkunft angesprochen - und Hamburg ist jetzt auch gar keine so große Stadt. Und einer meiner besten Freunde, das ist Bernd Begemann, weshalb ich natürlich das, was man mal "Hamburger Schule" genannt hat, schon irgendwie auch immer gut fand. Was unsere künstlerische Ausrichtung angeht, hab ich mich nie einer Szene oder Bewegung zugehörig gefühlt. Das ist auch gut so. Ich will einfach meine Musik machen und ansonsten in Ruhe gelassen werden.

Ich frag mal im Stil eines Job-Beraters von der Arbeitsagentur: Was muss man heute mitbringen, wenn man als Musiker sein Geld verdienen möchte?

Als ich anfing, Musik zu machen, da lautete meine Job-Beschreibung: Setz' Dich hin auf einen Stuhl und schreib einen Song. Für alles weitere gab es Menschen und Firmen. Es gab Management, es gab Studiobetreiber, es gab Plattenfirmen, es gab Booking-Agenturen, es gab Leute, die das Cover und das Artwork gemacht haben. Diese Maschinerie und dieses Business, das ich noch in seinen letzten Zuckungen kennenlernen durfte, das gibt's nicht mehr. Sprich: Es gibt kein Geld mehr für diese genannten Zulieferer. Deshalb ist es für den Musiker 2.0 eigentlich nicht mehr tragbar, wenn er nicht weiß, wie ein Kompressor funktioniert. Oder: Wie er seine eigenen Songs auch aufnehmen kann. Es genügt eben nicht mehr, nur ein paar Nummern zu haben. Ich hab' das aber nie als Hürde begriffen, sondern immer auch als Chance.

Ihre Branche hat also den digitalen Wandel schon hinter sich?

Der Nukleus von dem, was ich heute tue, ist tatsächlich immer noch, dass ich in der Küche an der akustischen Gitarre sitze und einen Song schreibe. Sobald ich den aber dann hab', dann muss ich auch drüber nachdenken: Wie nehm' ich den jetzt auf? Also, neue Job-Beschreibung: Ich ersetze den Tontechniker. Und dann musst Du Dich auseinandersetzen, mit EQ und Bandsättigung - ob Du das jetzt willst oder nicht. Dann möchte ich aber auch, dass ich Platten rausbringe, die toll aussehen. Also hab' ich mir Photoshop draufgeschafft und mich mit Fotografie beschäftigt, um Cover designen zu können. Als 14-Jähriger, als ich anfing, da stand das alles nicht drin, in meiner Job-Beschreibung.

Und das haben Sie alles gemacht, nur um selbst als Musiker weitermachen zu können?

Nein, natürlich nicht. Weil man ja auch ein bisschen über den eigenen Tellerrand hinausschauen möchte. Und sich fragt: Wie können wir Leute erreichen, mit der Musik, die man da macht. Und das will man dann nicht nur für die eigene Musik, sondern auch für die Musik von Freunden. Also haben wir vor rund 15 Jahren mit Tapete-Records ein Label aufgemacht. So kommt man vom einen zum anderen. Wenn man möchte, dass die Konzerte, die man veranstaltet, auch ordentlich gebookt sind, dann macht man halt eine eigene Booking-Agentur auf. Ich folgte da jetzt nicht unbedingt einem Masterplan - aber wenn Dir im Leben eine Sache wichtig genug ist, dann kommst Du einfach nicht darum herum, Dir über die genannten Fragestellungen Gedanken zu machen.

Und im Abendprogramm von Radio Bremen tragen Sie als Disc Jockey zur Geschmacksbildung bei. Was ist da Ihre Mission?

Ich wurde gefragt, ob ich mir so was vorstellen könnte, alle vier Wochen am Freitagabend aufzulegen, drei Stunden lang. Tja, ich war ja vorher schon öfter da, wenn es um Interviews zu meinen neuen Alben ging. Und ich mag den Sender eben deshalb, weil die sich echt Gedanken machen, was man außerhalb des Mainstream und der 20 Titel, die bei allen anderen auch gerade laufen, noch spielen könnte. Und als man mir dann die volle kreative Kontrolle zugesagt hatte, fand ich das natürlich super!

Und schon mutiert der Musiker Dirk Darmstaedter zum Musikjournalisten ...

Ja, ich find's einfach super spannend, das weiterzugeben, was ich so entdecke. Ich hör nun mal ziemlich viel und interessiere mich für Neuveröffentlichungen. Gleichzeitig aber lege ich auch alte Sachen auf - das heißt: Ich versuche, einfach schöne, stimmige Sendungen zu machen und nerdige Infos über die Bands und die Künstler weiterzugeben an die Hörer. Mal sehen, wie lange die mich da walten lassen.

Krisen, heißt es, begünstigen die Entstehung neuer künstlerischer Ideen und Bewegungen. Inwieweit profitiert der Songwriter Dirk Darmstaedter von dem, was da seit einigen Jahren in unserem Land und in der Welt draußen passiert?

Ähm, also der ganze Mist bewegt einen natürlich, weil man ist ja nicht nur Mensch, sondern auch ein denkender Mensch. Ich kann jetzt aber nicht sagen, ob und wie Trump's letzter Tweet den nächsten Song beeinflussen wird. Aber was man tut, das entsteht nicht im Vakuum, sondern in der Zeit, mit den gesellschaftlichen Bedingungen, und auch mit den technischen Gegebenheiten. Manche Menschen meinen ja, dass Songs einfach einem genialen Blitz zu verdanken sind. Dazu kann ich nur die Lektüre des Buchs "How Music works" empfehlen. Darin legt David Byrne, der Kopf von den "Talking Heads", sehr schön dar, wie technische Gegebenheiten oder auch Architektur die Entstehung von Musik beeinflussen.

Wir sollten noch über Ihren Heimathafen Hamburg reden. Die Lage der Stadt als Tor zur Welt beeinflusst wahrscheinlich nicht nur das Denken, sondern auch Ihre Art, Musik zu machen?

Ja, klar. Es ist manchmal schwierig zu sagen, aber ich hab' da ein paar Theorien am Start. Zum Beispiel ist es in Hafenstädten ja immer so gewesen, dass die Kids von den Matrosen die Soul- und Rock-'n'-Roll-Platten bekamen, die anderswo erst ein halbes Jahr später gelaufen sind.

Aber Sie haben noch weitere theoretische Ansätze?

Ja, klar - ich denke viel nach über solche Fragen. Eine andere Theorie, die hat was mit der Mentalität der Hansestadt zu tun. Damit, dass die Kaufleute ins Erfolgreichsein und ins Abschließen verliebt sind. Und das kannst Du hier in Hamburg auch im letzten Proberaum einer x-beliebigen Indie-Band beobachten: Die wollen ein Werk schaffen! In Berlin beispielsweise ist das ganz anders: Dort gibt es zwar auch wahnsinnig viel Kreativität, die sind aber nicht so sehr am Endergebnis orientiert. Ich bin mal gespannt, ob mich irgendein verärgerter Berliner widerlegen wird.

Geboren sind Sie aber in den USA. Erst als Teenager kamen Sie nach Deutschland. Wie funktioniert denn das: Als US-geprägter Mensch in eine Stadt zu kommen, die sich seit den Beatles im "Starclub" künstlerisch vor allem an Großbritannien orientierte?

Das war eigentlich weniger das Problem - viel anstrengender war für mich am Anfang die Sprache. Ich war 12, und obwohl ich aus einer deutschen Familie komme, war es sehr schwierig für mich. Und: Es gab hier kein Baseball und das Wetter war auch Kacke. Und zunächst empfand ich auch die Menschen als sehr unfreundlich. Ich mochte diese wahnsinnig offene amerikanische Art sehr. Komischerweise aber habe ich all diese Dinge später sehr schätzen gelernt. Und: Mich hat als 12-Jähriger dann ganz einfach die Musik gerettet.

Was hörten Sie denn am liebsten?

Ja, das wäre jetzt sehr cool und auch romantisch, wenn ich jetzt sagen würde: Ich habe 1977, im Alter von 12 Jahren, Captain Beefheart geliebt. In Wirklichkeit waren es die Bay City Rollers.

Anfang Oktober kommen Sie dreimal in die Oberpfalz. Wie viel Beinfreiheit gönnen Sie sich bei Ihren Gigs?

Da gönne ich mir sehr viel Freiheit - ich hab nämlich gar keine feste Setlist. Ich hab' nur eine stetig größer werdende Ansammlung von Songs - und die spiel ich, je nachdem, was der Abend so hergibt.

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